Ein junger Mann blickt mit fragendem Blick auf das Thema Kapitalrente

Die versteckten Kosten der „Kapital­rente“ (Vorschlag der Renten­kom­mission 2026)

29.06.2026 | tl;dr Die Kapitalrente nach schwedischem Vorbild soll der Altersvorsorge in Deutschland den notwenigen Schubs geben. Wirtschaftsinstitute kommen zu dem Ergebnis, dass die geplanten Änderungen nicht nur viel Geld, sondern auch rund 250.000 Arbeitsplätze kosten könnten.

So viel ist klar: Geht es um die Finanzierung unserer Renten, ist Umdenken das Mindeste, das ansteht. Sinnvolle Lösungen umsetzen, wäre sogar noch besser. Eine dieser Lösungen, die jetzt umgesetzt werden soll, ist die sogenannte „Kapitalrente“. Laut Studien kostet die aber nicht nur Milliarden, sie gefährdet auch noch Arbeitsplätze.

Was hat es mit der Kapitalrente auf sich?

Ende Juni 2026 hat die Rentenkommission 33 Empfehlungen eingebracht, die die Altersvorsorge für die nächsten Generationen stabilisieren soll – trotz Überalterung unserer Gesellschaft. Eine dieser Empfehlungen trägt die Nummer 28:

Zusätzliche Rente aus Kapitalanlagen – verpflichtend für alle. Die Kommission empfiehlt die Einführung einer obligatorischen kapitalgedeckten Rentenkomponente im Rahmen der GRV (gesetzliche Kapitalrente). Dazu sollen individuelle Kapitalkonten für die Beitragszahlenden eingerichtet werden. Empfohlen wird ein paritätisch finanzierter zusätzlicher Beitrag von zwei Prozent mit schrittweiser Einführung. Die Beiträge sollen nach schwedischem Vorbild zentral verwaltet und am Kapitalmarkt angelegt werden. Die Kapitalrente soll im Rahmen der Gesamtreform dazu beitragen, dass längerfristig das Rentenniveau in der ersten Säule spürbar ansteigt.

Quelle: bmas.de

Versuchen wir kurz, das wichtigste zusammenzufassen:

Bis zu zwei Prozent (wobei die Hälfte der Arbeitgebende und die andere Hälfte der Arbeitnehmende) übernimmt, sollen also in Form von Fonts, Depots oder ähnlichem individuell für jeden Arbeitenden (inklusive selbständig / freiberuflich arbeitenden Menschen) investiert werden. Klar: der Kapitalmarkt bringt ja immer Rendite (man muss nur den Zeithorizont passend wählen) – clever investiert trägt sich die Rente also in Zukunft selbst (Achtung: Ironie).

Was sich im ersten Moment vernünftig liest (und in dem Moment, in dem 2026 irgendwo „Schweden“ mit im Satz steht, ist Vernunft ja quasi der Defacto-Standard), bringt en détail ein paar Probleme mit. Über einiges davon hat Kollege Dr. Christian Geier bereits im Artikel „Die Vorschläge der Rentenkommission“ berichtet.

Studien sehen Jobs in Gefahr

Studien des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) uns das Wirtschafs- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung sehen eine weitere Problematik:

Ganz konkret könnte die Kapitalrente rund eine Viertel Million Jobs kosten und das Wirtschaftswachstum bis in die 2030er Jahre um rund 45 Milliarden Euro abschwächen.

Mir geht es an dieser Stelle überhaupt nicht darum, für die ein oder andere Seite Stellung zu beziehen. Mir geht es darum, dass man fundierte Entscheidungen nur mit möglichst viel Informationen im Vorfeld treffen kann – und Entscheidungen, die unseren Ruhestand betreffen, sollten fundiert getroffen werden.

Die Studie im Volltext gibt es hier: WSI „Empfehlungen der Rentenkommission bergen Risiken und Nebenwirkungen

Junge Frau auf der Suche nach beruflichen Möglichkeiten

„Die wichtigsten Stellschrauben für eine nachhaltige Entwicklung der Rentenversicherung – Zuwanderung und eine bessere Nutzung inländischer Erwerbspotentiale – wurden von der Kommission leider nicht betrachtet.“

Aus der Studie des WSI

Mehr Rente = Weniger Arbeitsplätze?

Wie kommen die beiden Institute jetzt also dazu, dass mehr Rente weniger Arbeitsplätze bedeutet, genau genommen rund 250.000 Arbeitsplätze? Dazu müssen wir das Prinzip einmal durchdenken:

  1. Arbeitnehmende und Arbeitgebende zahlen schrittweise ab 2028 zusätzliche Beiträge.
  2. Bis 2031 steigt dieser Beitragssatz um insgesamt zwei Prozentpunkte. Jeweils 50/50 von Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden getragen.

Das hat zwei konkrete Auswirkungen:

  1. Die Lohnnebenkosten für Arbeitgebende steigen. Ausgerechnet in einer Situation, in der hohe Lohnkosten sowieso schon seit Jahren ein Thema sind, dass Arbeitgebende in die Verzweiflung treibt.
  2. Haushalten bleibt damit weniger Netto vom Brutto. Ausgerechnet in einer Situation, in der Inflation, hohe Spritkosten und allgemeine Verunsicherung für Kopfschmerzen im Home Sweet Home sorgen.

Beides hat übrigens auch zur Folge, dass Papa Staat wiederum weniger Geld einnimmt, aber das nur am Rande.

Um das Problem wirklich zu verstehen, muss man sich einen weiteren Mechanismus veranschaulichen:

Während heutige Rentenbeiträge als Rentenzahlungen dazu beitragen, dass Menschen dieses Geld ausgeben können (Ganz vereinfacht gesagt: Arbeitnehmende zahlen ein, Rentner/in erhalten Rente zurück, Rentner/in gibt Geld aus für Dinge, die Arbeitnehmende produzieren), muss ein Fonds am Aktienmarkt (das System hinter der Kapitalrente) erst bis Summe X aufgefüllt werden um dann ausreichend Ertrag zu generieren, der als Rente wieder auszahlbar ist. So lange stehen diese Gelder also nicht für Konsum zur Verfügung.

Dazu kommt der Umstand, dass Beschäftigte für zwei Rentensysteme zahlen werden. Denn die bereits bestehenden Beiträge bleiben ja weiterhin – die Beiträge für die Kapitalrente addieren sich dazu.

Die Institute kommen dabei auch auf recht klare Zahlen: rechnet man die Belastung für die Rentenversicherung bis 2032 hoch, steigt der Beitrag von derzeit 18,6% auf rund 20,4%. Rechnet man die Kapitalrente mit ein, landen wir schon bei 22%. Ein Einkommensdefizit, das für die meisten im Geldbeutel spürbar werden wird.

Kapitalrente – ein System für die Zukunft?

Jetzt müssen wir uns aber auch einen weiteren Umstand klar vor Augen führen: ohne Reform in der Rentenversicherung wird das System sich nicht weiter tragen können. Menschen, die sich nicht vollständig auf Papa Staat verlassen möchten, sorgen schon seit langer Zeit mit Immobilien als Kapitalanlage, ETFs, Basisrenten & Co. vor. Klar ist auch, dass wir den Break Even, an dem wir „aus dem vollen schöpfen“ können und Luft haben, um das Rentensystem anzupacken, vor mindestens einem Jahrzehnt überschritten haben. Wie immer, wenn ein wichtiges Thema verschlafen wird, drängt jetzt die Zeit und die Möglichkeiten sind begrenzt.

Es wird also keine Lösung geben, die nur Vorteile bietet und keinerlei Nachteile mit sich bringt. Da hilft auch der Blick nach Schweden nichts, die haben knapp 30 Jahre Vorsprung (Einführung der Prämienrente 1998).

Das Prinzip ist also ähnlich, wie wenn du über eine Investition nachdenkst: Die Finanzierung für 50.000€ in ein Investment in Solarparks, ein regelmäßiger Sparplan in ETF-Form oder der monatliche Beitrag zu einer Basisrente – all das kostet jetzt Geld, das erst einmal „futsch“ ist um später (nach 10,20,30 Jahren) für die Sicherheit zu sorgen, die wir uns wünschen – idealerweise durch ein regelmäßiges, passives Income, ähnlich einer Rente.

Fakt ist: das Geld steht erstmal nicht zur Verfügung. Ob für den nächsten privaten Urlaub oder als Motor für unser Wirtschaftswachstum. Die Idee der Kapitalrente „leidet“ unter der gleichen Funktionsweise.

Wichtig: Die Aussage, die die Institute auch treffen, ist, dass die Kapitalrente kurzfristig für Einbußen sorgen kann. Was kurzfristig in diesem Zusammenhang bedeutet, diese Entscheidung überlasse ich dir, liebe Leserin / lieber Leser.

Keine bessere Lösung für die Kapitalrente?

Hm. Nein, nicht konkret. Die Wirtschaftsinstitute schlagen vor, das Defizit in der Rentenversicherung durch höhere Zuwanderung und die Erschließung bislang ungenutzter Beschäftigungspotentiale (z.B. bei Frauen) auszugleichen. Aber, mal Butter bei die Fische, diskutieren wir das nicht schon mindestens so lang, wie Schweden erfolgreich ein Rentensystem etabliert hat?

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Projekt Vorsorge, Finanzberater, Jochen Endres

Über den Autor:

Jochen Endres

Ich und Finanzen, das gehört seit über 30 Jahren zusammen. Ich lebe die ganzheitliche Finanzberatung für meine Kunden mit einem gewissen Wohlfühleffekt.

Qualifikation: Bank­kauf­mann, Spar­kassen­betriebswirt, Finanz­berater

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Copyright © Projekt Vorsorge by FP Finanzpartner AG · Vilshofen an der Donau

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